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Schwester und Bruder aller Geschöpfe –
Familienlandwirtschaftsschulen in Maranhão, Brasilien
Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,…
„Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt, und vielfältige Früchte hervorbringt, und bunte Blumen und Kräuter“
Aus dem Sonnengesang
Schon in den 1950ger Jahren begann die Missionsarbeit der Franziskaner in der Medio Mearim Region mit Zentrum Bacbal im Bundesstaat Maranhão, einem der ärmsten Staaten Brasiliens. Seit den frühen 1980ger Jahren war ein wichtiger Schwerpunkt die Betreuung der verarmten Landbevölkerung. Die Region mit viel offenem Land und mit Flüssen hatte viele Siedler aus dem von Dürre geplagten Nordosten Brasilien angezogen. Ausserdem gibt es dort eine grosse Anzahl von Quilombos, Dorfgemeinschaften von Nachfahren entlaufener Sklaven. Die Kleinbauern lebten mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft ohne jegliche öffentliche Unterstützung. Die überall wachsenden Babassu Palmen ermöglichten es den Frauen, die Kokosnüsse zu sammeln und in mühsamer Handarbeit zu knacken und zu verkaufen. Die Regierung, auf Landes-und auf Bundesebene, war weniger am Wohl der Klainbauern interessiert als an der „Modernisierung“ der Landwirtschaft: Landbesitz wurde eingezäunt, Kleinbauern ohne offizielle Titel teilweise vertrieben, die Frauen verloren den freien Zugang zu den Babassu Palmen. Für die grösseren Landbesitzer gab es Kredite und Anreize, das Land zu rohden und in Viehweiden oder Sojafelder umzuwandeln.
Für die Kleinbauern und Babassu Nussknackerinnen bedeutete der Trend weg von einer Landwirtschaft im Einklang mit der Natur und für die Menschen, hin zum Agrobusiness für den Profit mehr Leid, Hunger und Verstrickung in Landkonflikte. Die schlechte öffentliche Gesundheitsversorgung und Schulbildung taten ihe übriges: Hunger, hohe Kindersterblichkeit, Analfabetismus, Landflucht.
Die Franziskaner und andere Organisationen der Katholischen Kirche machten mit ihrer Missionsarbeit ein Gegenangebot. Sie stellten die Armen, Schwachen und Benachteiligten in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Ihr Ziel war es, Menschen zu befähigen, ihre Lebensumstände selbstbestimmt zu verbessern. Sie setzten auf Gemeinschaft, Solidarität und nachhaltige Entwicklung, anstatt auf kurzfristige Hilfsmaßnahmen und Abhängigkeit. Die Arbeit wurde auf vier sich gegenseitig ergänzenden Grundpfeilern aufgebaut – (1) Bildung mit für die Landbevölkerung relevanten Inhalten, (2) Gesundheitsversorgung, einschliesslich Erziehung zu Prävention und gesunder Ernährung, (3) Förderung der kleinbäuerlichen Produktion mit Schwerpunkt auf Ökologie und Produktion gesunder Lebensmittel für den Eigenbedarf und (4) Förderung der kolletiven Organisation der Landbevölkerung und der Jugend in Vereinen und Genossenschaften um ihre Interessen und Rechte zu verteidigen und die Arbeit selbstbestimmt fortzuführen.
Bei der Bildungsarbeit war die Gründung der Familienlandwirtschaftsschulen (Escola Familia Agrícola --EFAs) ein Hauptschwerpunkt. Sie entstanden aus der Erkenntnis, dass herkömmliche Schulen den Bedürfnissen der ländlichen Jugend nicht gerecht wurden. Ziel der EFAs war es, eine praxisnahe und gemeinschaftsorientierte Bildung zu ermöglichen, die auf die Lebensrealität der Kleinbauernfamilien zugeschnitten ist. Herzstück der Familienlandwirtschafts-schulen ist die Methode der Wechselausbildung (Alternanzmethode). Das bedeutet, dass die Schüler abwechselnd Zeit in der Schule verbringen und dann wieder auf ihren Familienbetrieben arbeiten. In der Praxis sieht das so aus: Eine Gruppe von Jugendlichen verbringt zwei Wochen im Internat der Schule und lernt dort theoretisches und praktisches Wissen – etwa zu nachhaltiger Landwirtschaft, Umweltschutz, Organisation und Menschenrechten. Anschließend kehren sie für zwei Wochen in ihre Dörfer zurück und wenden das Gelernte direkt auf dem Hof an, teilen es mit ihren Familien und Nachbarn und beobachten, wie sich Veränderungen auswirken. In der nächsten Schulphase bringen sie ihre Erfahrungen wieder mit in die Gruppe ein und reflektieren gemeinsam.
Im Zeitraum 1986 bis 2005 entstanden 20 Familienlandwirtschaftsschulen in Maranhão. Unter den ersten waren die EFAs von Lago do Junco (Manoel Monteiro), Lago da Pedra, São Luis Gonzaga, Paulo Ramos, und Vitorino Freire. Die Schulen begannen als eingetragene Vereine mit finanzieller Unterstützung aus dem Ausland der FM, Misereor und anderer Organisationen. Im Laufe der Jahre gelang es, die offizielle Anerkennung der Schulen durch die öffentlichen Schulbehörden zu gewinnen und staatliche Förderung aus öffentlichen Mitteln zu bekommen. Neben ihrem wichtigen Beitrag zur Verbreitung nachhaltiger Methoden der Landwirtschaft und steigender Produktivität der Bauern wurden die Schulen zu einer wichtigen Quelle gut ausgebildeter junger Menschen, die Führungspositionen in Projekten und lokalen Vereinen und Genossenschaften übernahmen.
Hand in Hand mit dem Aufbau der EFAs ging die Unterstützung für die Gründung einer Reihe von Basisorganisationen der Bauern und Babassu Nussknackerinnen der Region. Drei Beispiele sind die ASSEMA (Verein der Landreformorganisationen von Maranhão), ACESA (Ermunterung für Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft) und COPALJ (Nussknackinnengenossenschaft von Lago do Junco). Die Organisation der Babassu Nussknackerinnen hat sich weiter entwickelt in die Gründung einer interstaatlichen Bewegung der Frauen, die heute wichtigen politischen Einfluss hat. ASSEMA und ACESA gehören heute zu den anerkanntesten Basisorganisationen in Maranhão. Seit das Land eine progressivere und volksnahe Regierung hat, gelingt es diesen Organisationen immer öfter, sich für öffentliche Gelder aus Brasilien selbst und aus dem Amazonasfonds zu qualifizieren. So hat das Erbe der von den Franziskanern angestossenen Arbeit auch Jahre nach der Reduzierung der Präsenz vor Ort noch eine wichtige und nachhaltige Wirkung.